Nahezu alle Säuglinge schreien phasenweise. Wenn Schreien jedoch übermässig, anhaltend und für Eltern kaum mehr bewältigbar wird, spricht man von exzessivem Schreien oder umgangssprachlich von einem „Schreibaby“. Diese Situation stellt für Familien häufig eine erhebliche körperliche und emotionale Belastung dar und sollte frühzeitig fachlich eingeordnet werden.
Definition: Wann spricht man von exzessivem Schreien?
Von exzessivem Schreien wird gesprochen, wenn ein Säugling
- mehr als 3 Stunden pro Tag,
- an mehr als 3 Tagen pro Woche,
- über einen Zeitraum von mehr als 3 Wochen schreit.
Diese sogenannte „Dreierregel“ dient in der klinischen Praxis als Orientierung, ersetzt jedoch nicht die individuelle Beurteilung des Kindes und der familiären Situation.
Häufigkeit
Exzessives Schreien tritt vor allem in den ersten Lebensmonaten auf. Schätzungen zufolge sind etwa 10–20 % der Säuglinge in den ersten drei Monaten betroffen. In den meisten Fällen nimmt das Schreien mit zunehmender Reife des Nervensystems von selbst wieder ab.
Mögliche Ursachen
Die Entstehung von exzessivem Schreien ist multifaktoriell und nicht vollständig geklärt. Häufig spielen folgende Faktoren eine Rolle:
- unreife Regulationsmechanismen des Nervensystems
- erhöhte Sensibilität gegenüber Reizen
- Reizüberflutung oder fehlende Ruhephasen
- familiäre Belastungen oder elterlicher Stress
Verdauungsprobleme können begleitend auftreten, sind jedoch nur selten die primäre Ursache. Wichtig ist: Eltern sind nicht schuld am Schreien ihres Kindes.
Symptome und Einordnung
Betroffene Säuglinge schreien häufig plötzlich und intensiv, oft ohne klar erkennbare Ursache. Typisch ist eine Zunahme der Unruhe in den späten Nachmittags- und Abendstunden. Begleitend können vermehrtes Strampeln, Körperspannung, Schwierigkeiten beim Einschlafen oder Untröstlichkeit auftreten. Exzessives Schreien zählt zu den sogenannten frühkindlichen Regulationsstörungen, zu denen auch Schlaf- und Fütterstörungen gehören.
Medizinische Abklärung als Grundlage
Bei anhaltendem Schreien ist eine ärztliche Untersuchung zwingend erforderlich, um organische Ursachen wie Infektionen, Reflux, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder andere Erkrankungen auszuschliessen. Die erste Anlaufstelle ist die behandelnde Kinderärztin oder der Kinderarzt. Je nach Befund können weitere Beratungs- oder Therapieangebote sinnvoll sein.
Unterstützende Rolle der manuellen chiropraktischen Behandlung
Liegt keine behandlungsbedürftige organische Erkrankung vor, kann eine manuelle chiropraktische Behandlung unterstützend eingesetzt werden. Ziel ist es, mögliche muskuloskelettale Spannungszustände, insbesondere im Bereich der Wirbelsäule und des Bewegungsapparates, zu erkennen und mit sehr sanften, altersangepassten Techniken zu behandeln.
Die chiropraktische Behandlung ersetzt keine pädiatrische Abklärung und keine Regulationsberatung, kann jedoch im interdisziplinären Kontext dazu beitragen, das körperliche Wohlbefinden des Säuglings zu verbessern und Spannungszustände zu reduzieren.
Bedeutung von Beratung und elterlicher Unterstützung
Neben medizinischen und therapeutischen Massnahmen sind die Begleitung und Entlastung der Eltern zentral. Frühzeitige Beratung kann helfen, Überforderung zu reduzieren und den Umgang mit dem schreienden Kind sicherer zu gestalten. Bewährte Massnahmen sind unter anderem:
- ruhige Tagesstrukturen
- Vermeidung von Reizüberflutung
- sanftes Tragen, Wiegen oder Halten
- gezielte Pausen und Unterstützung für die Eltern
Bei starker Belastung sollten Eltern nicht zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Fazit
Exzessives Schreien im Säuglingsalter ist häufig, belastend, aber in den meisten Fällen vorübergehend. Eine sorgfältige medizinische Abklärung, elterliche Beratung und, bei entsprechender Indikatio, eine unterstützende manuelle chiropraktische Behandlung können gemeinsam dazu beitragen, die Situation für Kind und Familie zu verbessern.
Anhaltendes Schreien kann Eltern stark belasten und viele Fragen aufwerfen. Wenn Sie sich Sorgen machen oder zusätzliche Unterstützung wünschen, begleite ich Sie gerne im Rahmen einer sorgfältigen Untersuchung und interdisziplinären Einschätzung.
Quelle: Elterninformation Schreien im Säuglingsalter der DGKJ
